Blogbuch Tammo Mamedi, 12.01.

Generation: „Die Hosen voll“

Wir haben die Hosen voll! Wir haben Angst vor der Zukunft, denn sie wird uns als mörderisch und aussichtslos dargestellt, als unausweichlich grausam und in jeder Hinsicht negativ. Wir haben Angst vor dem Klimawandel, wir haben Angst vor Arbeitslosigkeit (mal ganz abgesehen von der Angst überhaupt keine Ausbildung zu finden), wir haben Angst vor der Staatsverschuldung, Angst vor Amokläufen, Angst  vor Terroristen, Angst vor der Schweinegrippe und Angst vor Ausländern und Nazis. Die Angst wird uns jeden tag von den Medien eingetrichtert.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Angst uns bewusst gemacht wird. Es scheint mir beinahe so, als wäre jemand der Ansicht, eine Generation, die dem Untergang in die Augen sieht, arbeitet fleißiger, um ihn abzuwenden. Im Gegensatz zu unserer Eltern-Generation sind wir einem enormen Druck ausgesetzt, der durch die miese Lage des Arbeitsmarktes und dem erhöhten gesellschaftlichen Wert von materiellem Besitz und Geld entsteht. Besonders bedenklich finde ich aber vor allem, wie wir unsere Mitschüler, Mitbewerber, Kollegen sehen sollen. Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität werden durch Konkurrenzkampf und Neid abgelöst. Das Ausstechen von Mitmenschen lernen wir schon in der Schule, bedingt durch Bewertungssysteme oder durch das Zentralabitur.

Ich fürchte nur, dass, wenn wir die Probleme, also unser Päckchen, überhaupt tragen sollen, dann gelingt uns das nur gemeinsam!

Blogbuch Tammo Mamedi, 11.01.

Großartige Unterhaltung, packende, spannende Geschichten, rührende Schicksale und Dramen die näher am Zeitgeist liegen als jeder Internetdienst – all das bietet die Berliner S- und U-Bahn.

Wer auf der Suche nach kuriosem und haarsträubendem  ist, wird nach spätestens 10 Minuten Bahn fündig. Am Samstag durfte ich Zeuge eines Paradebeispiels dieses Gesellschaftsspiegels werden.

Gegen halb 6 saßen ich und ein Freund aus NRW in der Bahn, zermürbt durch die Nacht im Fritz Club. Gegenüber von uns saß ein Mann, der nach und nach an die 10 Plastiktüten mit Pfand und anderem Gedöns in die Bahn packte. Als er sein Sammelsurium nur kurz aus den Augen ließ, stellte sich ein anderer Vogel neben die Tüten, guckte über die Schulter, schnappte sich eine und floh mit seiner Beute. Der Beraubte versuchte zwar noch ihn fluchend und um Hilfe rufend einzuholen, entschied sich dann aber doch lieber dafür seinen verbliebenden Schatz zu bewachen.

Absolut sprachlos guckten wir durch den Zug, ein lässig auf zwei Plätzen sitzender Türke traf unsere Blicke und kommentierte das ganze teilnahmslos mit: „Berlin“.

Blogbuch Tammo Mamedi, 07.01.2010

Neh tut mir leid, icke bin nich os Berlin

Als Touri hat man es nicht leicht auf den Straßen Berlins. Es gibt immer mehr zu sehen als man Zeit hat und die Orientierung fällt zuweilen sehr schwer. Schnell habe ich gelernt, dass , wenn man sich einmal verlaufen hat, man auf sich allein gestellt ist. Die Wahrscheinlichkeit jemanden zu treffen, der weiß wo man hin muss, tendiert gen Null, ganz im Gegensatz zu der Wahrscheinlichkeit selber von Orientierungslosen verzweifelt nach dem  Weg gefragt zu werden. Wo sind die eigentlich alle, die Berliner?

Blogbuch Tammo Mamedi, 3 – 06.01.

Aha ein Buch – wie funktioniert das nochmal?

Zurzeit befinde ich mich in einer für mich verwirrenden Lage. Zurzeit wohne ich bei Bekannten in Mahlow (weit weg), bis ich ein WG-Zimmer gefunden habe. Ich kollabierte beinahe als mir Ursel mitteilte, dass sie keinen Computer, sprich kein Internet, Zuhause hätten.

Kein Internet? Unmöglich! Nicht mal ein paar mickrige Kilobit bekam ich mit meinem Laptop zu fassen. Nun saß ich da, in einem an sich super gemütlichen Haus auf dem Trockenen. Schweißanfälle, zittrige Hände und Langeweile breiteten sich aus. Da fiel mein Blick auf die durchaus üppige Bibliothek des Hauses. Bücher?! Skepsis machte sich breit. Aber ich wagte das Downgrade vom Notebook zum Buch. Und siehe da es machte Spaß. In drei Tagen fraß ich einen Roman über Napoleons Schlachten um Wien bis auf Seite 211. Gar nicht so schlecht diese Dinger. Trotzdem frage ich mich, ob die Suche nach einem WG-Zimmer nur ein Vorwand ist und ich aus anderen Gründen bis spät abends im Büro bleibe…

Blogbuch Tammo Mamedi, 05.01.

Der Zweite wird der Erste sein: Praktikum startet

Heute hätte eigentlich mein erster Tag bei pr-ide° sein sollen. Ungeduldig wie ich bin, war es jedoch mein zweiter. Ich hatte den Montag für den Fünften gehalten und war strebermäßig einen Tag zu früh da. Peinlich aber nicht weiter schlimm.

Peinlicher und irgendwie auch schlimmer ist das S-Bahn Netz Berlins. Da anscheinend eh gerade jeder über die Dinger meckert, erspare ich mir das jetzt mal. Beruhigend finde ich bei all dem Chaos aber, dass es die BVG trotz chronischer Verspätung und Bahn-Ausfalls schafft, in so gut wie jedem Zug zu kontrollieren, ob auch brav bezahlt wurde. Das ist ein Service!!

Blogbuch Tammo Mamedi, 04.01. Ankunft in Berlin

Big City, Bright Lights

Wuppertal, mein Geburtsort, gilt laut fachlich korrekter Terminologie als Großstadt. Komisch, denn jede Seitengasse von Berlin lässt diese 300.000 Menschen Stadt klein aussehen. Jede Stadt hat ihren eigenen Charme, eine Art Zauber, eben das gewisse Etwas, das sie besonders oder einzigartig macht. Um dieses Etwas einer Stadt zu spüren, braucht man garnichtmal viel sehen oder wissen, meistens reichen die ersten paar Schritte vor die Tür des Hauptbahnhofs aus, um das Wesentliche zu erfassen. Tritt man in Wuppertal vor die Tür des Hbfs, so empfängt einen ein Tunnel in die Innenstadt, der grausiger nicht sein könnte. In Berlin blickt man durch eine imposante Glas-Stahlkonstruktion auf das Kanzleramt, den Reichstag, das Regierungsviertel. Ein Blick nach links und rechts offenbart jedoch, dass Berlin viel mehr ist. Was genau weiß ich nicht, aber ich weiß, dass ich darauf brenne, es heraus zu finden. Berlin hat mich am Hacken, mal sehen, ob ich den je wieder loswerde.